Weltweite Kampagne, um Kraken wild zu halten, gewinnt Rückhalt
Die Forderung, Kraken wild zu halten, hat weltweit Fahrt aufgenommen. Am World Octopus Day (8. Oktober) startete Compassion in World Farming (CIWF) ein Versprechen, das Regierungen auffordert, industrielle Krakenzucht zu verbieten. Die neue Bewegung sieht Kraken nicht als bloße Aquakultur-Ware, sondern als Tiere mit eigenen Bedürfnissen und warnt davor, dass ihre Zucht dem Ökosystem Meer schweren Schaden zufügen würde.
Das Versprechen fand schnell Unterstützung. Mehr als 100 Wissenschaftler:innen stellten sich in einem offenen Brief hinter die Kampagne und argumentierten, dass industrielle Haltung für eine hochintelligente, einzelgängerische Art ethisch und ökologisch unvereinbar sei. Diese breite Rückendeckung verleiht der Bewegung wissenschaftliches Gewicht, das sonst leicht als bloßer Aktivismus abgetan werden könnte.
Die versteckten Kosten der Krakenzucht
Kraken sind Fleischfresser und benötigen große Mengen fischbasierter Futtermittel. Eine Zuchtanlage im industriellen Maßstab könnte jährlich Zehn- oder gar Hunderttausende Tonnen Wildfisch verschlingen.
Dieser Bedarf belastet die Bestände der Beutefischereien, auf die Küstengemeinden ohnehin angewiesen sind. In Westafrika, Südostasien und Teilen Südamerikas sichern sich Kleinfischer:innen mit diesen Beständen Ernährung und Einkommen. Die Zucht von Kraken würde den Wettbewerb um Wildfisch verschärfen und den Druck von einer auf viele Arten übertragen.
Ein weiteres Problem ist die Abwasserbelastung. Die Anlagen leiten Stickstoff, Ammoniak und andere Schadstoffe ins Meer. Wird das Wasser nicht fortlaufend gefiltert und aufbereitet, können nahegelegene Riffe, Seegraswiesen und Fischereien Schaden nehmen. Kritiker:innen warnen, dass die ökologischen Risiken jeden möglichen Nutzen übertreffen könnten.
Bewusstsein, Leid und politische Konsequenzen
Eine 2021 von der London School of Economics in Auftrag gegebene Studie fand überzeugende Hinweise darauf, dass Kopffüßer, darunter Kraken, empfindungsfähig sind und Schmerz, Stress und andere subjektive Zustände erleben können. Wegen ihrer kognitiven Komplexität und Sensibilität halten Fachleute eine wirklich tiergerechte kommerzielle Haltung derzeit für unmöglich; sie würde zwangsläufig zu psychischem und physischem Stress führen.
Diese ethische Dimension hat Gesetzgeber zum Handeln veranlasst. In den USA haben die Bundesstaaten Washington und Kalifornien die Krakenzucht verboten. Ein Bundesgesetz – der sogenannte OCTOPUS Act – will das Verbot sogar auf Importe ausdehnen. In Europa lehnte die Regierung der Kanarischen Inseln den Erstantrag des Unternehmens Nueva Pescanova ab, nachdem Umweltbehörden erhebliche Risiken für das Ökosystem festgestellt hatten.
Mit wachsender globaler Aufmerksamkeit verschiebt sich die Debatte von Ausbeutung hin zu Empathie. Kraken wild zu lassen ist nicht nur eine Frage des Mitgefühls – es ist ein Gradmesser dafür, wie Gesellschaften Fortschritt mit Respekt vor der Natur in Einklang bringen.